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Lohnt sich der Einbau von AIS auf einer Yacht?

 

Mehr als einmal bekam ich bisher die Frage bestellt, ob ich die Installation von AIS (automatic identification system) auf einer Yacht empfehlen würde.

Vorwegnehmend halte ich AIS auch im Yachtbereich für eine sehr sinnvolle Navigationshilfe, deren wachsende Nutzeranzahl dies sicherlich auch bestätigt. Aber AIS ist nicht gleich AIS. Wer mit dem Kauf einer Anlage liebäugelt, hat die Auswahl zwischen drei in ihrer Leistungsfähigkeit ausgestatteten Typen.

1) AIS Class A
2) AIS Class B
3) AIS Empfänger

Class A ist das System, welches hauptsächlich auf ausrüstungspflichtigen Schiffen in der Berufsschiffahrt zum Einsatz kommt, während Class B und reine Empfangsgeräte auf Sportbooten ihren Platz gefunden haben. Von der rechtlichen Seite gesehen, ist es aber auch möglich eine Class A Anlage auf einem Sportboot zu installieren.
Class B Geräte sind in Leistungs- und Funktionsumfang den Class A Geräten unterlegen, erfüllen aber ebenfalls den wichtigen Zweck das eigene Fahrzeug für andere AIS-Teilnehmer sichtbar zu machen. Im Wesentlichen wurden die Class B Anlagen eingeführt, um das für die Berufsschiffahrt unentbehrliche System bei einer zu großen Anzahl von Teilnehmern nicht zu stören.

Warum denn nun AIS auch auf der Yacht?

Neben einem gewissen Unterhaltungswert sind es in erster Linie Merkmale, welche die Sicherheit auf jedem Fahrzeug erhöhen.
Das empfangene Radarecho einer vergleichsweise kleinen Yacht ist auf einem Berufsschiff unter Umständen nicht immer ausreichend, um das Fahrzeug überhaupt erkennbar zu machen. Jeder Schiffs- oder Bootsführer der bereits im dichten Nebel in vielbefahrenen Küstengebieten unterwegs war, weiß wie schnell es zu gefährlichen Begegnungsituationen kommen kann. Aber selbst wenn die eigene Yacht trotz Aussendung von AIS-Daten beim Kollisionsgegner nicht registriert wird, so bietet AIS den großen Vorteil dieses Schiff mit direktem Namen oder Unterscheidungssignal auf VHF-Funk ansprechen zu können.
Abgesehen davon liefert AIS, neben Schiffsnamen und Position anderer Fahrzeuge, die Information, ob überhaupt und falls ja, wann Kollisionsgefahr besteht, denn Parameter wie CPA und TCPA berechnet AIS aus den Bewegungsparametern zweier Schiffe automatisch.
Und auch fernab der Küste kann AIS rechtzeitig vor einer drohenden Kollisionsgefahr warnen, lange bevor RADAR oder das eigene Auge es können. Denn im Gegensatz zu der quasi optischen Wellenausbreitung von RADAR und VHF-Funk, funktioniert AIS auch weit über den Horizont hinaus.
Zusätzlich ist jeder AIS-Transceiver mit einem eigenen, unabhängigen GPS-Empfänger ausgestattet. Bei Ausfall, des an Bord für die Navigation genutzten GPS Gerätes, bietet AIS neben seiner eigentlichen Funktion zusätzlich die Möglichkeit eines „Backup GPS“. Für Leute auf Langfahrt sicherlich auch ein interessanter Aspekt.
Insgesamt kann AIS sogar mehr leisten, als der Name automatic identification system verspricht, zumal auf weitere verfügbare Funktionen, wie beispielsweise das Aussenden von Text- und Sicherheitsmeldungen, die hier noch gar nicht berücksichtigt wurden.

Die Installation an Bord ist relativ unkompliziert, da das eigentliche System neben diversen Kabeln lediglich  aus einer kleinen Box besteht, deren Daten mittels mitgelieferter Software auf einem Notebook sichtbar gemacht werden.
Als Antenne dient eine handelsübliche VHF-Antenne, da AIS ebenfalls auf dem UKW Marinefunkband sendet und empfängt.
Wer sein Schiff nicht mit zusätzlichen Antennen schmücken möchte, hat auch die Möglichkeit den Transceiver mittels Antennensplitter über die bereits an Bord installierte VHF-Funkantenne zu betreiben.

Welche Anlage darf es denn nun sein?

Ganz klar, wenn Geld bei der Anschaffung eine untergeordnete Rolle spielt, sollte man sich für eine Class A Anlage entscheiden, da Class B und reine Empfänger hinsichtlich ihrer Funktionen lediglich einen Kompromiß darstellen.
Hinzu kommt die Tatsache, dass Class A Teilnehmer Fahrzeuge mit Class B Anlagen auf ihren Darstellungsgeräten ausblenden können, um beispielsweise in Gebieten mit sehr vielen „AIS Targets“ nur komerzielle Schiffe angezeigt zu bekommen.

Dennoch stellen Class B und auch AIS-Empfangsgeräte eine sehr sinnvolle Ergänzung zur klassischen an Bord befindlichen Navigationsausrüstung dar.

Abschließend sei noch erwähnt, dass trotz der hohen Zuverlässigkeit des Systems, AIS nicht unfehlbar ist. Wie jedes von Menschenhand entwickelte und programmierte System hat auch AIS ein gewisses Fehlerpotential, insbesondere da eine Abhängigkeit zu GPS besteht.
Dort wo AIS kein „Target“ anzeigt, können sich dennoch eine Insel oder ein 300 Meter langer Öltanker befinden und mit denen sollten Sie bitte nicht kollidieren.

Grüße vom anderen Ende der Welt!

Euer Kapitän Johnannes!

Bildquelle: SRT Marine Technology www.srt-marine.com

RADAR vs. AIS. Welches System sollte man vorziehen und wo liegen Stärken und Schwächen.
Wer interessiert ist, kann im nächsten Teil mehr dazu lesen.

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7 Comments

  1. Christoph sagt:

    Das Containerschiff ist aber ganz schön klein ;)

  2. Sven sagt:

    Vielen Dank für die Beschreibung der AIS Systeme, obwohl ich zugeben muss das mich der Hinweis das die Kapitäne der großen Schiffe mal eben alle Klasse B Verwender wegblenden schon etwas geschockt hat.

    Im übrigen finde ich diese Website ausgesprochen Informativ.

    grüße aus dem schönen Lüneburg

    Sven

  3. Dirk sagt:

    Wieder mal ein schöner Artikel, aber eine Sache verstehe ich nicht:

    Radar und UKW/VHF-Funk breiten sich quasioptisch aus. OK, so weit so bekannt. Aber AIS läuft doch auf den UKW-Kanälen, wieso kann AIS dann über den Horizont hinausgucken? Oder gibt es an Land in regelmäßigen Abständen Repeater als Relaisstationen? Das könnte ich mir für viele Küstengebiete Europas und Asiens vorstellen, nicht aber für Südamerika oder Afrika.

  4. Johannes sagt:

    Hallo Dirk,

    tatsächlich war das nicht ganz eindeutig beschrieben, vielleicht hilft Dir diese Erklärung aber weiter:

    Radiowellen breiten sich über die sog. Boden- und Raumwelle aus, letztgenannte
    wird in den oberen Luftschichten reflektiert und kann somit einem gewissen Grad
    der ERdkrümmung folgen. Sonst wäre ja auch kein Betrieb über Kurzwelle möglich.
    Unter bestimmten Ausbreitungsbedingungen werden UKW Wellen auch sehr gut über
    die Raumwelle transportiert und Gespräche können weit über 100 Meilen Entfernung
    geführt werden. Bei normalen Ausbreitungsbedingungen ist das aber nicht möglich.
    Der Grund warum AIS auf gleicher Frequenz dennoch auch bei schlechten
    Ausbreitungsbedingungen über den Horizont hinausgucken kann ist einfach erklärt.
    AIS muss lediglich digitale Telegramme übertragen und nicht wie beim
    Sprechverkehr notwendig ein großes Frequenzband zur Stimmenwiedergabe senden,
    bzw. empfangen.
    Das empfangene AIS-Signal kann also wesentlich schwächer als ein UKW-
    Srechfunksignal sein, um noch sinnvoll aus dem Rauschen ausgewertet zu werden.
    UKW-Sprechfunksignale werden aus oben genannten Gründen ebenfalls noch hinter
    dem Horizont empfangen, allerdings reicht die schwache Sendeleistung unter
    normalen Bedingungen nicht aus, um noch Stimmen aus dem Rauschen herauszuhören.
    Aus diesem Grunde ich die Reichweite von AIS größer. Bei guten Bedingungen habe ich schon AIS-Signale von Schiffen in über 300 Meilen Entfernung empfangen, allerdings stellt das die absolute Ausnahme dar.

    Gruss aus China

    Johannes

  5. Johannes sagt:

    Christoph!
    Du weisst doch dass wir uns in der Krise befinden, die großen Containerschiffe werden derzeit nicht gebraucht…..

  6. Dirk sagt:

    Mmh, stimmt. Daran, dass es ja auf die verbale Verständlichkeit nicht ankommt, hatte ich nicht gedacht.

    Danke für die Antwort.

    Aber die Ausbreitungsbedingungen von UKW und KW sind doch verschieden und gerade beim UKW tritt die Raumwelle kaum, bzw. wenn dann nur bei ganz bestimmten Wetterlagen und dann auch deutlich schwächer als bei KW in Erscheinung.

  7. Andreas sagt:

    Ich möchte zu diesem Thema auch meinen Senf dazugeben. Wie schon erwähnt, kann eine einfache Korrelation zwischen Radartarget und AIS Target hergestellt werden, wenn Abstand und Peilung sowie Vector Kurs und Geschwindigkeit des Verkehrsteilnehmers in bestimmten Grenzen übereinstimmt. Leider sind diese Informationen nicht immer in einem Gerät dargestellt und erfordert vom Nutzer einen sorgfältigen Abgleich.
    Da es im Zeitalter von AIS einfach ist, einen möglichen Kollisionsgegner schnell und einfach zu identifizieren, kommt es zu Anrufen via VHF auf Kanal 16, die in machen Situationen einfach nur für Verwirrung sorgen und sich bei einem Blick aus dem Fenster leicht hätten vermeiden lassen. (Verwechslung mit einem anderen Verkehrsteilnehmer)
    Eine Sache noch als bzgl. Radar vs. AIS in Sachen Kollisionsverhütung. Fachzeitschriften weisen ausdrücklich darauf hin, dass zur Kollisionsvermeidung ausschliesslich RADAR bzw. ARPA Informationen herangezogen werden dürfen. (siehe Risk Watch)
    Es hängt wie immer am Anwender.

    Gruss aus Singapore

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