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Hier spricht ihr Kapitän … Teil 2 “sehen und gesehen werden”

Kennen Sie eigentlich die Anforderungen bezüglich der Mindesttragweite Ihrer Positionslichter entsprechend der internationalen Kollisionsverhütungsregeln?
So ist beispielsweise in Regel 22(b) nachzulesen, dass ein Fahrzeug im Größenbereich von 12 bis 50 Metern mit Seitenlichtern von einer Mindesttragweite von 2 Meilen ausgerüstet sein muss.
Und wissen Sie wie lange ein Containerschiff in voller Fahrt benötigt, um bei etwa 23 Knoten Geschwindigkeit 2 Meilen zurückzulegen? 5 Minuten. Ein Handlungszeitraum der zwischen Sportbooten untereinander mehr als ausreichend erscheinen mag, auf einem entsprechend großem Schiff aber eine ganz andere Relation erfährt.
Auch wenn die Tragweiten der Seitenlichter in der Praxis mitunter größere Reichweiten erzielen, so ist die Sichtbarkeit von Sportbootfahrzeugen insbesondere nachts aus Sicht größerer Schiffe nicht immer ausreichend.
Im ungünstigsten Fall nimmt beispielsweise eine Segelyacht eine Lage zu einem anderen Schiff ein, in der es lediglich ein Seitenlicht zeigt. Selbst unter optimalen Bedingungen ist dieses Licht nicht immer gut als solches zu erkennen.

Zum Verständnis versetzen wir uns kurz in die Lage des Navigators auf dem Berufsschiff. In Gewässern mit hohem Verkehrskommen muss dieser nämlich einen weitaus größeren Verkehrsraum überwachen und häufiger Handlungsentscheidungen treffen, um das Entstehen einer Nahbereichssituation, bzw. einer Kollisionsgefahr zu vermeiden als der Sportbootskipper.
Zwar stehen dem Berufsschiffer dabei in der Regel deutlich bessere technische Mittel zur Verfügung, dennoch muss er seine Entscheidungen oft aus einer Vielzahl von verfügbaren Informationen auswählen.
Ein anderes Berufsschiff ist dabei für ihn auf vielfältige Weise besser als Ausweichgegner zu erkennen. Sei es rein visuell beim Blick aus dem Brückenfenster, dem gut erkennbaren Radarecho oder dem Signal durch das Automatic Identification System (AIS).
Die Wahrnehmung von Sportbooten ist daher schwieriger und erfordert deutlich mehr Wachsamkeit und Erfahrung durch den entsprechenden Wachgänger auf der Brücke.
Bei veränderten Wetter- und Verkehrsbedingungen kann diese Wahrnehmungsfähigkeit nochmals deutlich erschwert werden.

Oft besteht die verbreitete Meinung, dass man als Sportbootfahrer ja eh auf dem Radar der Berufsschiffe zu sehen ist. Bei optimalen Bedingungen mag das auch zutreffen, aber was ist z.B. bei starkem Seegang oder Trübungen durch Regenwolken? Ganz zu schweigen von nicht optimal eingestellten Geräten oder der nicht sachgerechten Verwendung von Filtern.
Radarreflextoren sind bestimmt nicht verkehrt, stoßen in solchen Situation aber sicherlich schnell an ihre Grenzen.

Auch die visuelle Wahrnehmung wird durch negative Wettereinflüsse schnell gestört. Die Sicht durch ein verregnetes Brückenfenster ist anders, die Sichtbarkeit der Positionslaternen wird durch Regen und Gischt ebenfalls zusätzlich beeinträchtigt. Bei Nacht verschwinden tief liegende Positionslaternen schnell im Wellental, und bei Tage hebt sich der weiße Rumpf einer Yacht nicht besonders gut von den weißen Schaumkämmen der sich brechenden Wellen ab.
Das alles sind Faktoren, die man als Schiffsführer auf einem kleineren Fahrzeug bei der Bewertung von Ausweichsituationen ins Kalkül ziehen sollte.

Ein verantwortlicher Skipper sollte sich nie allein auf KVR Regel 18(a) verlassen, sondern jede Begegnungssituation insbesondere mit einem Berufsschiff immer kritisch betrachten.
Keinesfalls sollte das dazu verleiten, die Pflichten des Kurshalters nicht einzuhalten, vielmehr sollte der Skipper sich rechtzeitig fragen, welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt einzuleiten sind, wenn das ausweichpflichtige Fahrzeug seinen Pflichten nicht nachkommt.

In vielen Situationen wird man auf einer kleinen Yacht ein größeres Berufsschiff rechtzeitiger ausmachen können, als man selbst von dem anderen Fahrzeug wahrgenommen wird.
Es spricht nichts dagegen im Falle von unklaren Situationen, z.B. über UKW, frühzeitig Kontakt mit einem anderen Fahrzeug herzustellen.
Die eigene Sichtbarkeit kann zeitweise beispielsweise durch zuschalten einer vorhandenen Decksbeleuchtung oder eines Suchscheinwerfers bei Nacht verbessert werden. Segelfahrzeuge können zusätzlich die eigenen Segel anstrahlen.
Der Einsatz eines eigenen AIS-Systems bietet den entscheidenden Vorteil, dass man selbst bei ungünstigen Seegangs- oder Sichtbedingungen als Sportboot auf einem Berufsschiff zu identifizieren ist.
Eine hundertprozentige Sicherheit wird aber auch dieses System nicht bieten können.

Nach wie vor ist die beste Navigation und Wachführung der aufmerksame Blick aus dem Brückenfenster oder dem Cockpit der Yacht.
Nur wer jede Situation unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Problematiken und Risiken individuell bewertet, wird mit einem Maximum an Sicherheit sein Fahrzeug sicher und verantwortungsvoll steuern und es zu keiner kritischen Situation kommen lassen.

Ihr Johannes Röhrs

2 Comments

  1. Sebastian sagt:

    Moin Hannes,

    das ist ja mal eine Überraschung, hier was von dir zu lesen. haben ja lang nix voneinander gehört. Schreib mir doch mal, wenn du Lust hast.

    Gruß Sebastian.

    PS: Gute Zusammenfassung der Problematik.

  2. Florian Seiferth sagt:

    hallo johannes,

    telefonisch bist du ja nicht zu erreichen aber wie du siehst finde ich dich immer und überall! ;)
    falls du zu meinem hauseinzug kommen möchtest nimm kontakt per SKYPE oder Email auf…würde mich freuen, CIAO Bohw!

    DER containerbrückenchef

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